Der schwarze Hund

Die subjektive Seite meiner Depression

Subjektive Seite - warum diese Bezeichnung? Ich beschreibe in diesem wie auch in vielen anderen Artikeln, wie ich meine Depression erlebt habe.

Depressive Phasen – im Fachausdruck Episoden – kenne ich, so lange ich denken kann. Früher dachte ich, dass ich eben so wäre und nicht ständig wie Andere fröhlich sein könne. Tiefe Niedergeschlagenheit, die einen lähmt, wie der bekannte schwarze Hund, mit dem Mathew Johnston seine Depressionen verglich.


In meiner Kindheit hatte ich bis zum 7, Lebensjahr noch lange fröhliche, ja fast glückliche Phasen. Nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, wuchs ich zwischen dem 2. und dem 7. Lebensjahr bei meiner Großmutter auf. Meine Mutter musste ja schließlich für den Unterhalt sorgen. Meine Großmutter hatte bis zu ihrem Tod lebenslanges Wohnrecht in Ihrer Wohnung. Ursprünglich hatte sie diese von ihrem Mann übernommen, der als Finanzbeamter eine Wohnung des Finanzamtes hatte. Hier wohnten meine Mutter und ich nach der Trennung von Mann und Vater. Mit meiner Großmutter verbrachte ich viele Stunden bei Spaziergängen auf den Straßen in der Nähe oder im nahegelegenen Pfühlpark. Zwischendurch besuchten wir Großmutters Freundin, von mir Tante Paula genannt, die damals in einem kleinen Kaufhaus in der Stadtmitte in der Süßwaren-Abteilung arbeitete. Bei jedem Besuch bekam ich etwas Süßes von ihr geschenkt. Ich kann mich sogar an gemeinsame Urlaube mit meiner, Mutter, Oma und Tante Paula erinnern. Wir waren meist in Österreich in der Wildschönau. Es gibt Photos von uns unter Anderem bei der Fronleichnamsprozession in Oberau und bei einem Tagesausflug zum Königssee, die meine Mutter gemacht hatte.

Höhepunkt waren die Besuche auf Liebenstein oder bei anderen Familien aus der mennonitischen Gemeinde in Heilbronn. Meistens waren es Feste wie Geburtstage, Ostern oder Weihnachten, bei denen wir zu Besuch auf Liebenstein oder einem der anderen Höfe waren. Lautenbacher Hof, Breitenauer Hof und Liebenstein waren die Orte einer fröhlichen Kindheit. Hier traf ich die Kinder der anderen Familien und wir konnten rumtoben ohne Ende. Weitläufige Hofanlagen mit Tieren und viel frischer Luft. Kaffee bzw. für uns Kinder Kakao und Kuchen duften da natürlich nicht fehlen.

Meine Mutter war in diesen Zeiten ausnahmsweise auch mal ganz erträglich. Das war sie auch später noch immer nur auf Ausflügen oder im Urlaub. Im Alltag gab es nie ein Zeichen von Zuneigung oder Liebe. Aber wenn ich gelogen hatte, dann gab es gleich eine Ohrfeige. Umarmungen habe ich nicht kennen gelernt. Dabei war ich gar nicht der Auslöser für die Abneigung meiner Mutter mir gegenüber. Ich erinnerte sie an meinen Vater – im Aussehen wie auch charakterlich.

Eines Tages im Jahr 1968 musste meine Großmutter ins Krankenhaus. Wenige Tage später teilte mir meine Mutter mit, dass sie gestorben sei. Zu Ihrer Beerdigung war ich nicht. Um mich zu schonen, wurde ich an diesem Tag bei einer Freundin meiner Mutter "geparkt". Wie sie mir später erzählte, soll ich mich dagegen recht heftig gewehrt haben. Ich hatte keine Gelegenheit mich von meiner Oma zu verabschieden.

Die folgenden zwei Jahre verbrachte ich auf Schloß Liebenstein. In der Rückschau waren das die glücklichsten Jahre meiner Jugend. Jeden Morgen fuhr mich meiner Mutter nach Liebenstein und abends holte sie mich ab – wenn sie nicht für ihren Arbeitgeber auf einer Messe war. Dann blieb ich auch mal über Nacht.

Zwischendurch hatte ich auch hier meine depressiven Episoden. Es gab immer mal wieder Tage, an denen ich einfach meine Ruhe haben wollte und mich verkroch. Oft genug kam dann aber Großmama, die Großmutter in Liebenstein, und heiterte mich einfach dadurch auf, dass sie mir einfach ihre Zuneigung schenkte und mich wieder zu den anderen Kindern schickte. Heute denke ich, dass mit dieser nicht verarbeiteten Trauer und dass ich mich von meiner Großmutter nicht verabschieden konnte, der Grundstein für meine Depressionen gelegt wurde.

Ich durfte für diese kurze Zeit eine Familie erleben, in der ich angenommen und geliebt wurde so wie ich war. Auch wenn ich Fehler machte, gab Tante Elisabeth, wie ich die Mutter der Familie nannte, mir das Gefühl, dass sie mich liebt. Und auch wenn ich mich mit den vier Töchtern der Familie nur teilweise verstand, so waren wir doch wie Geschwister. Nie hatte ich das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein.

Nach diesen zwei Jahren wurde ich Schlüsselkind. Ich war tagsüber alleine zuhause, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Einsamkeit zog in mein Leben. Und mit wem sollte ich darüber reden? Mutter war nicht da oder wollte ihre Ruhe. Ich fraß meinen Kummer in mich hinein. Mein Leben spielte ich nur mit fremden Menschen ab. Meistens Kinder im gleichen Alter wie ich.

Durch unseren Umzug nach Hannover verlor ich meine Heimat, den Kontakt zu meinem Vater und zu meiner Zieh-Familie. Wie ein nasser Sack lag die Schwere meines Lebens auf mir. Aufmerksamkeit von meiner Mutter bekam ich nur, wenn ich mich „unartig“ verhielt. Meine Trauer über den Verlust von Heimat und Familie wurde von meiner Mutter mit den Worten "Du weißt doch, dass das so sein muss. Wir ziehen jetzt nach Hannover. Fertig."

Die Situation wurde durch die zweite Heirat meiner Mutter nicht besser. Nach nur drei Jahren zogen wir erneut um und ich verlor wieder meine Freunde und meine zeitweise Heimat.

Diese vielen Abschiede verstärkten meine tiefe Traurigkeit. Auch dadurch, dass ich keine Zeit und Hilfe bei der Trauerbewältigung hatte. Wer sollte mir auch beistehen. Meine Mutter?

Der zweite Mann meiner Mutter brachte zwei Töchter mit in die Ehe. Die einzigen, denen er seine Zuneigung zeigte. Ich war nur der lästige Anhang der zweiten Frau. Und das ließ er mich spüren.

Um meinen Frust los zu werden, begann ich gegen meine Eltern zu rebellieren. Rauchen und mit Cliquen abhängen waren mein. Hausaufgaben? Keine Lust. Außerdem war ich mit der mathematischen Ausrichtung der Schule, auf der ich war, völlig überfordert. Ich war kein Mathe- sondern ein Sprachgenie. In Latein hatte ich eine Eins - in den mathematischen Fächern Fünfen oder Sechsen.

Über meinen Kopf hinweg wurde entschieden, dass ich von der Schule musste und eine Lehre zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer machen sollte.

Das Gefühl, von einem schweren Sandsack zu Boden gedrückt zu werden wurde immer größer. Innere Leere, das Gefühl der Ausweglosigkeit, Gefühle der Fremdbestimmung und unbändige Wut beherrschten meine Seele.

Manchmal ist auch die Unterscheidung zwischen Trauer und Depression nicht ganz einfach. Durch die vielen Abschiede und frühen Verluste durch Tod und Trennung musste ich reichlich Trauer erleben. Immer wenn eine Freundschaft zu Ende ging, weil ich wieder mal mit meiner Mutter umziehen mußte, empfand ich Trauer. Leider hatte ich aber auch nie die Gelegenheit diese Trauer auszuleben oder zu verarbeiten. Kaum war die eine vorbei, kam bereits die neue. Heute vermute ich, dass ich unter Anderem dadurch meine Depressionen entwickelte. Kleiner Nebeneffekt dieser Erlebnisse sind eine Angststörung, sowie eine Bindungsstörung.

Als ich mit 22 Jahren auszog, änderte sich das. Wie ich heute weiß, habe ich es nur verdrängt, aber nicht aufgearbeitet. Die Phasen wurden kürzer und verschwanden mit zunehmendem beruflichem Erfolg ganz.

Alles kehrte dann ab 2002 zurück. Nachdem ich einen geliebten Menschen in einer Klinik abliefern musste, weil sie nicht alleine zuhause bleiben wollte, stürzte ich mich in die Arbeit. Diesen geliebten Menschen in der Aufnahmestation zu erleben, wie sie sich gegen die Durchsuchung ihrer Sachen wehrt, war für mich ein Schock – ein Trauma.

Ich arbeitete teilweise 12 Stunden am Tag. Machte Dienstreisen nach Bayern, innerhalb Norddeutschlands und auch nach Schweden. 2006 kam dann der große Umzug unserer Niederlassung. Wir wurden mit einer anderen Firma zusammengelegt. Mein Kollege hatte schon länger Urlaub geplant und auch gebucht, also sollte ich den Umzug in der Zeit managen. Eine zusätzliche Teamleitung für mich bei einer Umstellung bei einer Tochterunternehmung war dann zu viel. Ich musste den Einsatz für mich abbrechen. 

Als ich einige Tage später wieder an meinem Arbeitsplatz saß, veränderte sich für mich, dass ich nur auf meinen Bildschirm starrte und außer einem Spiel nichts anderes tun konnte. Das Telefon, das mich über neue Aufträge meiner Kollegen informierte, wurde mein größter Feind. Meist ließ ich es klingeln und ignorierte es so gut es ging. Oder ich nahm mir bei einem Auftrag so viel Zeit, dass ich dieses nervige Ding nicht sehen und hören musste. Lustlos, ja apatisch saß ich die meiste Zeit nur vor dem Bildschirm und war zu nichts in der Lage. Ich schleppte mich durch den Tag und kämpfte mit dem schwarzen Loch, dass sich für mich aufgetan hatte.

Irgendwann dachte ich mir, dass es so nicht weitergehen konnte und recherierte im Internet nach den Symptomen. Dabei fielen mir irgendwann auch Seiten auf, auf denen ein Test zu finden war. Lange kämpfte ich mit mir, ob ich solch einen Test absolvieren sollte. Wer weiß schon wie seriös solche Tests sind? Komme ich mit dem Testergebnis klar, oder will ich das vielleicht nicht wahr haben, was es verkündet? Schließlich siegte die Neugier und als ich den Test durchlief, mußte ich mich nicht einmal dazu zwingen die Antwort anzukreuzen, die am Dichtesten an der Wahrheit liegt. Manchmal kreuzt man ja die Antwort an, die die meisten Punkte bringt, oder die einem suggeriert wurde. Das passierte mir hier nicht. Ich stellte fest, dass ich endlich wissen wollte, was mit mir los sei. Ich machte dieselben Tests mehrere Male an verschiedenen Tagen. Jedes Mal bekam ich als Antwort: "Ihre Symptome deuten darauf hin, dass sie einen Burn-Out haben könnten. Bitte klären sie das mit Ihrem Arzt ab."

Gesagt getan. Im Januar 2007 saß ich vor meinem Arzt und erzählte ihm von meinen Symptomen und das Testergebnis. Ich formulierte es so, dass ich sagte, ich hätte das recherchiert und er möge mir sagen, ob das sein könne. Mein Hausarzt bejahte das und so beantragte ich eine Reha-Maßahme bei der Rentenversicherung, die nach einigem Hin und Her auch bewilligt wurde. Von Mitte Juli bis Anfang September war ich zur „Kur“. Und damit hatte ich auch meine Diagnosen Burn-Out und Depressionen.

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