Warum Hochsensible nicht immer nur nett sind

Hochsensible Menschen können manchmal auch aggressiv werden. Für Umstehende wirkst das manchmal irritierend oder gar abstoßend. Woran liegt der plötzliche Stimmungswandel?

Normalerweise sind hochsensible Mensche sehr aufmerksam und einfühlsam. Doch bei Überreizung oder zu viel Stress können sie aggressiv werden. Das kann sich (wie ich aus eigener Erfahrung weiß) in Wut, Gereiztheit, Laut-werden, Aggression oder auch Nervosität äußern. Das löst bei den umstehenden Menschen nicht gerade Verständnis aus. Im Gegenteil dominieren hier Unverständnis, Vorwürfe und Abwendung. HSPs schämen sich oft später für Ihre Aggressionen. Dabei zeigen hochsensible Menschen diese Aggressionen nur um sich vor weiteren Reizen zu schützen.

Zum Verständnis ein Erlebnis aus meinem Leben: 2023 war ich in einem Krankenhaus. Eines Tages kamen nahezu zeitgleich drei Menschen in mein Zimmer und wollten etwas von mir: der Pflegende wollte Blutdruck und Blutzucker messen, eine weitere Person brachte mir das Frühstück und eine dritte Person wollte mich zu einem Untersuchungstermin abholen. Ich wußte plötzlich nicht mehr, was ich machen sollte. Ich spürte wie mir das alles zu viel wurde und wie es in mir zu brodeln begann. Daher habe ich um mich geschrien, dass sie mich alle in Ruhe lassen sollen. Zusätzlich baute derjenige, der mich zu einer Untersuchung bringen sollte, weiteren Druck auf, in dem er sagte: "Ich gebe dann Bescheid, dass der Patient die Untersuchung ablehnt."

Die Folge war, dass ich mich falsch entschied, als diese Situation sich einige Tage später wiederholte. Ohne Frühstück und nur mit dem Schlafanzug bekleidet, saß ich zwei Stunden in einem zugigen Flur und wartete auf die Untersuchung, für die man mich um 8:00 Uhr abgeholt hatte.

Was können mögliche Folgerungen sein? Wir sollten besonders in der Medizin auch darauf eingestellt sein, dass es Menschen mit dieser Charaktereigenschaft gibt. Es eght nicht nur um die Reizüberflutung, die zu Aggressionen führen kann. Es kann auch passieren, dass Medikamente bei hochsensiblen Menschen anders wirken als bei Menschen, die nicht hochsensibel sind. Bei mir wirkt zum Beispiel ein Blutverdünner wesentlich stärker. Es hätte fatale Folgen für mich eine stärkere Version einzunehmen.

 

Hochsensibilität und Resilienz

Ungefähr 20% aller Menschen sind hochsensibel. Dies fand Dr. Elaine Aaron heraus.

1996 begann die Psychologin Dr. Elaine Aron den Themenkomplex Hochsensibilität zu untersuchen, für den sie heute als Pionierin gilt.

1987 wurde ihr von den Ärzten nach einer Operation, die sie emotional aufwühlte, eine psychologische Behandlung verordnet. Weil die Ärzte keine krankhaften Symtome diagnostizieren konnten, wurde sie schlicht als „hochsensibel“ beschrieben. Zusammen mit ihrem Ehemann Arthur Aron, der auch Psychologe ist, beschrieb sie zehn Jahre später das Konstrukt der Hochsensibilität anhand von Fallbeispielen.

Menschen, die hochsensibel sind, erleben unsere Umwelt intensiver als Menschen, die diese Charaktereigenschaft nicht haben. Hochsensible Personen „hören das Gras wachsen“. Ihnen kann jedoch auch der Lärm einer Großstadt schnell zu viel werden. Ihr Stresslevel steigt. Starke Gerüche, große Menschenmassen und chaotische Organisation können einen Menschen mit Hochsensibilität ebendo überfordern.

HSP’s (Hochsensible Personen / Highly sensitive Persons) sind meist sehr empathisch. Sie kommen in einen Raum und spüren die Athmosphäre, die in dem Raum herrscht. Sie können meist sehr genau bezeichnen, wer mit wem im Klintsch liegt, ohne davon vorher etwas mitbekommen zu haben. Oder sie spüren im Einzelgespräch, was das Gegenüber fühlt und meint.

„Es gab eine Zeit da spürte ich all diese Empfindungen sehr intensiv und konnte sie nicht einordnen. Ich wußte nicht, dass ich hochsensibel bin, geschweige denn, dass es das gibt. Erst als ich später von diesem Wesenszug erfuhr, konnte ich einen Umgang mit den besonderen Empfindungen finden.“

So wie es mir anfangs ging, so geht es vielen Menschen, die nicht wissen was da in Ihnen vorgeht. Sie wissen nicht dass sie hochsensibel sind. Diese „Unwissenheit“ kann sogar so weit gehen, dass Menschen eine psychische Erkrankung entwickeln, weil sie nie gelernt haben mit den Überforderungen umzugehen, die die Hochsensibilität mit sich bringen kann.

Wo kommt Hochsensibilität her?

Hochsensibilität ist nur in geringem Teil angeboren. Ganz oft führen Erlebnisse und Erfahrungen aus den ersten Lebensjahren oder gar aus der Schwangerschaft dazu, dass ein Mensch hochsensibel ist. Auch Traumata aus der Kindheit können dazu führen. Umso wichtiger ist es in meinen Augen, sich diese Traumata anzuschauen, zu verarbeiten und letztendliche Integration in das heutige Leben.

„Mein eigenes Trauma war und ist, dass ich meiner Mutter nie trauen konnte. Ich wußte nie, wie sie druaf ist und war stets aufmerksam. So habe ich eine Sensibilität dafür entwickelt, zu erspüren, was ein Menschen empfindet.“

Hochsensibilität und das Innere Kind

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Hochsensibilität sehr stark mit dem inneren Kind zusammenhängen kann. Von daher ist eine Aueinandersetzen auch mit diesem Thema sinnvoll.

„Seither ich mich mit dem Thema befasst habe, weiß ich, dass bestimmte Glaubenssätze, die einige Hochsensible haben, aus der Kindheit stammen. Bei mir waren es Glaubenssätze wie „ich bin nicht gut genug“ oder „ich muss alles alleine durchstehen“. Mit meiner Psychotherapie konnte ich das auflösen, so dass diese Sätze mich nicht mehr so sehr beeinflussen.“

Was mir geholfen hat, mit meiner Charaktereigenschaft der Hochsensibilität besser klar zu kommen, war neben Informationen das Resilienz-Training. 2016 sah ich zum ersten Mal ein paar kurze Beiträge zum Thema Resilienz auf Youtube und war sofort von dem Thema begeistert. Die sieben Säulen der Resilienz waren für mich greifbar und waren für mich klar. Allerdings fragte ich mich danach noch lange, wie man die Resilienz trainieren könne. 2020 fand ich schließlich die Resilienz-Trainings der Erfahrungsexpert*innen. Und absolvierte im selben Jahr die Trainer-Ausbildung. Seither habe ich das Zertifikat als Resilienztrainer und habe bereits einige Kurse abgehalten. Mein persönliches Highlight ist ein Resilienztraining, dass wir Trainer der Erfahrungsexpert*innen für die Deutsche Depressionsliga geben durften.

Bei all den Trainings, die ich bis jetzt geben durfte, fanden sich auch stets sehr empathische Menschen. Im Fall der Gruppe, die ich dür die Deutsche Depressionsliga mit anleiten durfte, sind zum Beispiel zwei Menschen, die sich gerade mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzen. Für beide ist das völlig neu und sie erleben das, was ich und einige andere Menschen bereits erfahren durften: viele Verhaltensweisen, viel Stress und auch einige Empfindungen sind plötzlich erklärbar.

Hochsensibilität hat jedoch nicht nur Schattenseiten. Es finden sich auch sehr schöne Seiten an dem Wesenzug. Da Menschen mit Hochsensibilität alles stärker empfinden, können sie auch eher an einem Anblick in der Natur verharren und ihn lange Zeit genießen. Hochsensible Personen sind oft sehr kreativ. Durch ihre Fähigkeit Geschehnisse voraus zu ahnen und weiter zu denken, sind sie gute Führungskräfte. Ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, trägt mit dazu bei.

„Ich bin sehr gerne in der Natur und kann im Vergleich zu Anderen Kleinigkeiten am Wegesrand wahrnehmen und ihre Schönheit erkennen. Für mich sind Spaziergänge daher eine sehr gute Möglichkeit zur Entspannung und für das Genießen.“

 

Folgenswerte Seiten auf sozialen Netzwerken zum Thema Hochsensibilität

Folgende Seiten lohnen sich für hochsensible Menschen auf den sozialen Medien zu folgen. Hier zuerst auf Instagram:

Netzwerk Hochsensibilität

Hochsensibel glücklich

Let's talk mental von Chris Gust

Melanie Pignitter

Hier Vorschläge für Facebook:

Netzwerk Hochsensibilität

 Sabine Brunke-Reubold

Buchtipp Hochsensibilität

Nachdem ich mir darüber klar geworden war, dass ich hochsensibel bin, habe ich nach Hilfen und Büchern gesucht. Psychotherapeuten kommen da kaum in Frage, denn Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sie ist ein Wesenszug, den 15-20% der Weltbevölkerung hat. In der ersten Zeit habe ich versucht mit den neuen Erkenntnissen klar zu kommen. Es war nicht immer leicht, doch heute kann ich meine besondere Gabe als solche akzeptieren und nutzen. Ich erspüre zum Beispiel, wenn es einem Menschen nicht gut geht und kann auf ihn zugehen und fragen, ob er Hilfe benötigt. Oder eben einfach nur reden möchte.

Ein Buch, dass mir in der ersten Zeit sehr egholfen hat, ist von Ulrike Hensel und im Selbstverlag erschienen. Das Buch ist sein Geld wert. Ihr bekommt das Buch hier.

Bild von Leopictures auf Pixabay

Hochsensibilität ist nichts für Feiglinge

Hochsensible Menschen werden viel zu oft als verletzlich oder schwach bezeichnet.

Aber intensiv zu fühlen ist kein Zeichen von Schwäche, es ist das Markenzeichen großer Lebendigkeit und großen Mitgefühls.

Nicht der empathische Mensch ist "kaputt", sondern unsere emotional verarmte Gesellschaft.

Es ist nichts Beschämendes daran, Gefühle authentisch auszudrücken, denn das hält den Traum von einer menschlicheren Welt am Leben.

Anthon St. Maarten

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