Endlich ich

Bereits seit frühester Kindheit habe ich Depressionen. Früher wußte ich nur nicht, dass ich deshalb ständig ohne Grund traurig bin. Neben der Leere, die mich mein gesamtes Leben begleitet hat, gab es auch immer wieder Zeiten, in denen ich keine Lust mehr hatte so zu leben. Mehr als der Gedanke war da aber nie. Heute bin ich froh, dass ich noch lebe. Und es gibt immer mehr Abschnitte, in denen ich das auch genießen kann.

Mein Leben verlief lange Zeit alles andere als glücklich. Schon immer habe ich mit Verlustängsten zu tun. Das begann bereits in meiner frühen Kindheit. Als ich zwei Jahre alt war, verließ mein Vater die Familie, mit 7 Jahren verlor ich meine Großmutter und mit 10 verlor ich meine Kindheit. Ab da war ich ein sogenanntes Schlüsselkind. Allein und ohne jemanden im Rückhalt. Als ich mit 12 meine Heimat und meine Ersatzfamilie verlor, weil wir nach Hannover zogen, war das Fass voll. Allein auf mich gestellt in einer mir fremden Welt vereinsamte ich zunehmend. Ich ging nicht zur Schule, machte keine Hausaufgaben und trieb mich mit einem Freund rum. Als ich 14 war, heiratete meine Mutter ein zweites Mal. Wieder Umzug. In der neuen Familie fühlte ich mich als fünftes Rad am Wagen. Da ich keine Leuchte in den Mathematischen Fächern war, sondern schon immer ein Sprachbegabter Mensch war, sollte ich auf dem mathematischen Gymnasium, das ich besuchen musste, ein zweites Mal sitzen bleiben. Also wurde ich herunter genommen und musste eine Lehre als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer absolvieren. Die Überforderung durch meine nicht gewollte Ausbildung, meine Situation als ungeliebter Mensch in der Familie und als Auffangbecken für die Aussprache meiner Mutter trieb mich schließlich zu dem Gedanken Zuhause auszuziehen. An meinem 18. Geburtstag wurde die Mutter meines Stiefvaters beerdigt. Mit 21 machte ich den Führerschein, weil ich eine Stelle als Zivi im 20 Kilometer entfernten Göttingen bekommen hatte. Mit 23 zog ich Zuhause aus und ging für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Hamburg. Endlich Freiheit. Endlich ich. Danach arbeitete ich noch für 3 Monate als Puppenspieler, anschließend als Automobilverkäufer. Mit 27 machte ich meine Umschulung zum Datenverarbeitungskaufmann und arbeitete bis zum Jahr 2010 in diesem Beruf. Zwischendurch habe ich 10 Jahre in Bayern gelebt und wäre fast Marketingmitarbeiter  bei einem PC-Großhändler in der Nähe von München geworden.

Bis zu meinem letzten Umzug 2000 nach Ahrensburg bin ich 17mal umgezogen. Nirgends habe ich bis zu meinem Umzug 1990 nach Aschaffenburg länger als 2-3 Jahre gelebt. Freunde finden war mir nicht möglich in den kurzen Zeiten. Meine Geburtstage feiere ich bislang nicht. Mit wem auch. Die diversen Traumata um meinen Geburtstag (Immer die Erinnerung an die Reichskristallnacht, Beerdigung, Einsamkeit) haben mir das verleidet.

Bereits in meiner Kindheit war ich irgendwo tief traurig, auch wenn man in einer Depression eigentlich nichts fühlt. Ich habe bis 2007 dagegen angekämpft. Teilweise ist mir das sogar gelungen. Doch zu welchem Preis? Diverse körperliche Erkrankungen und schließlich 2007 der totale Zusammenbruch – Burnout. 2008 Herzinfarkt. Anschließend 2 Jahre Mobbing und Kampf um den Arbeitsplatz. 2010 dann schließlich das Ende meiner Berufstätigkeit als DV-Kaufmann.

Heute habe ich endlich etwas gefunden, das ich mir als Berufliche Tätigkeit vorstellen kann: Genesungsbegleiter. Von September 2015 bis August 2016 machte ich meine EX-IN-Ausbildung und ging darin total auf. Derzeit arbeite ich als Geringverdiener bei einem Anbeiter der Wiedereingliederungshilfe in Hamburg und begleite andere Menschen in einem Begegnungszentrum.

Ich muss mich nicht mehr verstellen, sondern werde so wie ich bin wert geschätzt, trotz, bzw. gerade auf Grund meiner Depressionen. Endlich ich.

Mein Webhoster

alfahostingbanner joomla 468x60 Fullsize

Free Joomla! template by L.THEME