Psychosoziale Umschau 02/2018

ARBEIT UND REHABILITATION I 33

>>Besondere Verantwortung für Personen ist zu vermeiden<<

Eine Tätigkeit im pädagogischen oder psychosozialen Bereich ist für Rehabilitanden mit einer psychiatrischen Vorgeschichte mitunter schwer durchzusetzen

Von Cornelia Schäfer

Bernd Andreas Czarnitzki war viele Jahre Systemadministrator und arbeitet heute als Genesungsbegleiter mit psychisch Kranken bei einem sozialen Dienst in Hamburg. Dabei hat ein Gutachter dem EDV‘ler nach dessen Burnout und einem Herzinfarkt bescheinigt, dass er lieber nicht mit Menschen arbeiten sollte. »Besondere Verantwortung für Personen und Maschinen, Publikumsverkehr, Überwachung, Stress und Termindruck sind zu vermeiden«, heißt es in dem Schreiben des Mediziners im Auftrag des Rentenversicherungsträgers, der seinen Versicherten mit einer Rehamaßnahme wieder fit für den Arbeitsmarkt machen wollte.

»Bei den Kunden hieß es immer: >>lch habe dieses Problem seit gestern. Warum waren Sie vorgestern noch nicht da?<<, berichtet Czarnitzki von dem Druck, der ihn krank gemacht hat. Nach der beruflichen Rehabilitation sollte er erneut in seinen alten Arbeitsbereich, nur ohne direkten Kontakt zu den Kunden. »Aber auch das war zu stressig. Ich habe die Maßnahme dann abgebrochen« Mit Menschen zu arbeiten, tue ihm aber gut, sagt Bernd Andreas Czarnitzki, der die EX-lN-Ausbildung selbst finanziert hat. ››lch weiß allerdings, dass ich auch im Kontakt mit Menschen vorsichtig sein muss. Als Genesungsbegleiter muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel in mich aufnehme. Das heißt, ich muss mir zwischendurch mal eine Pause gönnen. Da bin ich ganz ehrlich, das muss ich noch lernen. Aber auch das geht voran.<< Nachdem er zunächst nur wenige Stunden in der Woche als Genesungsbegleiter tätig war, hat er nun eine halbe Stelle. Hilfreich sei die Supervision an seinem Arbeitsplatz. ››Man kann mit anderen über die Sachen, die einem unter die Haut gehen, sprechen«, berichtet der Genesungsbegleiter. »Und man bekommt Tipps, wie man den Klienten helfen kann«

Hat der Gutachter sich getäuscht, als er Bernd Andreas Czarnitzki den Umgang mit Menschen nicht zutraute? Oder wollte er einfach nur auf Nummer Sicher gehen? lmmerhin stammt das Testat aus dem Jahre 2010. Vielleicht hat sich der Rehabilitand ja in den Jahren bis zur EX-lN-Ausbildung 2015 außergewöhnlich entwickelt und stabilisiert.

Gutachten

Stichwort ››leidensgerecht«

Die Empfehlung einer sachbezogenen Tätigkeit für psychisch erkrankte Menschen in einer beruflichen Rehabilitation oder Umschulung ist allerdings kein Einzelfall. In den »Leitlinien zur Rehabilitationsbedürftigkeit für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben für den Beratungsärztlichen Dienst der Deutschen Rentenversicherung Bund« kann man sie im Kapitel 5 ››Psychische Störungen« finden. ››Sachbezogene, strukturierte Tätigkeiten« werden da als »leidensgerecht« gepriesen, »pädagogische/soziale/therapeutische Tätigkeiten« als ››auf Dauer nicht leidensgerecht<< quasi ausgeschlossen, egal, ob es um Menschen mit einer Depression, einer Psychose oder mit einer neurotischen oder Persönlichkeitsstörung geht.

»Wenn jemand, der seinen Job in der IT-Branche aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, sagt, dass er Ergotherapeut werden will oder Erzieher, würde das mit ziemlicher Sicherheit von der Rentenversicherung nicht finanziert«, sagt Friederike Steier-Mecklenburg, die bis vor Kurzem das Berufliche Trainingszentrum (BTZ) in Köln geleitet hat. lm BTZ können psychisch erkrankte Menschen mit einem zwölfmonatigen beruflichen Training herausfinden, ob sie noch arbeiten können, was und wie viel und ob die Leistungskraft für den ersten Arbeitsmarkt reicht. Das BTZ hilft dann bei der Vermittlung einer passenden Stelle. Häufig geht es auch darum, mit der kürzeren Arbeitserprobung zu klären, ob jemand eine Umschulung schaffen kann und in welche Richtung diese gehen soll. Die BTZ-Mitarbeiter müssen dann eine Beurteilung für den Träger der Maßnahme schreiben. Häufig haben vorher auch schon die Ärzte in der medizinischen Rehabilitation ein Gutachten verfasst, welchen beruflichen Weg sie dem Rehabilitanden zutrauen und welchen nicht. Die letztendliche Entscheidung aber liegt bei der lnstitution, die die Maßnahme finanziert '- sei es die Rentenversicherung Bund oder die des Landes oder die Arbeitsagentur. Dass die Geldgeber bei der Entscheidung mitreden wollen, was genau sie finanzieren, findet Friederike Steier-Mecklenburg nachvollziehbar. Und auch für die Bedenken gegen einen erzieherischen oder therapeutischen Beruf hat sie Verständnis. ››lch finde nicht, dass jeder das werden kann. Sondern ich denke: Gerade bei Menschen, die wie psychisch Erkrankte in der Beziehungsaufnahme und in der Kommunikation - oder wie wir sagen, im sozioemotionalen Bereich - Schwierigkeiten haben, muss man genau hingucken: Passt das, oder passt das nicht?« Worüber sich die engagierte Reha-Fachfrau aber geradezu aufregen kann, ist, wenn ein Gutachter oder Maßnahmenträger - wie es gelegentlich vorkommt - vorschnell oder gar pauschal in Abrede stellt, dass jemand etwa als Sozialarbeiter, Krankenschwester, Erzieherin oder Altenpfleger arbeiten kann. ››Weil wir schon erlebt haben, dass es eben doch gut gehen kann.<<

Auch Annette Theißing beklagt, dass sozialmedizinische Vorgaben zu leidensgerechten Arbeitsplätzen bisweilen rigoros und standardisiert durchgesetzt werden. Die Leiterin einer Einrichtung für medizinische und berufliche Rehabilitation in Hannover, die auch im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation psychisch kranker Menschen, BAG RPK, sitzt, schrieb in den ››Sozialpsychiatrischen Informationen<< 2014, der ›leidensgerechte< Arbeitsplatz bei Menschen mit psychischen Erkrankungen habe viele Anforderungen zu erfüllen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kaum zu finden seien und oft nicht den Vorstellungen der Betroffenen entsprächen.

Das hat auch Hannah Harmsen erfahren, die drei Jahre als Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gearbeitet hatte, als sie an einer Psychose erkrankte. Ein Wiedereinstieg in den Beruf Jahre später misslang, weil sie weiter tätig war, auch als sie wieder krank wurde. Zwar informierte Harmsen die Kollegen über ihre Erkrankung, aber eine Ärztin in der Klinik sorgte schließlich dafür, dass sie nicht nur ihren Job verlor, sondern sogar ihre Approbation abgeben musste. Der Hamburgerin wurde eine Rente bewilligt. Aber mit dem Ruhestand mochte sie sich nicht anfreunden. Sie versuchte auf eigene Faust, im sozialen Bereich Fuß zu fassen und erreichte schließlich, dass die Arbeitsagentur eine Umschulung finanzierte. Vorab musste Hannah Harmsen sich zwei Gutachtern stellen. Dann der Schock ››Als die Reha begann, habe ich in den ersten Tagen erfahren, dass ich meine Praktika auf keinen Fall im sozialen Bereich machen darf, sondern dass eindeutig vorgesehen war, mich in ein menschenfernes Feld zu bringen.«

Kauffrau statt sozialer Beruf

Statt des ersehnten sozialen Berufes boten die Reha-Experten ihr eine Umschulung zur Bürokauffrau an. ››Das hat mich inhaltlich aber überhaupt nicht gereizt. Und ich habe mir auch überlegt: Es gibt so viele Bürokauffrauen, die viel Erfahrung haben und trotzdem arbeitslos sind. ich glaube, das wäre der Weg in eine noch größere Katastrophe gewesen«

War es denn überhaupt die Arbeit mit den Patienten gewesen, die Hannah Harmsen erkranken ließ? Die Medizinerin glaubt das nicht, berichtet von privatem Stress und dem unerwarteten Tod einer jungen Kollegin, mit der sie eng zusammengearbeitet hatte.

Annette Theißing weiß aus Erfahrung: Arbeit mit Menschen kann ebenso überfordern wie auch stabilisieren. Die Reha-Fachfrau führt arbeitspsychologische Studien an, nach denen vor allem Multitasking, starker Termin- und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge ebenso wie Unterbrechungen und Konfrontation mit neuen Aufgaben Menschen am Arbeitsplatz psychisch belasten.

Friederike Steier-Mecklenburg vom BTZ in Köln setzt sich dafür ein, dass Rehabilitanden nach eingehender Beratung ausprobieren können, was sie unbedingt machen wollen. Auch wenn die Trainer Bedenken haben. Oft merken die Praktikanten dann selbst, dass sie dem Druck nicht standhalten. »Einer unserer Rehabilitanden war Konditor mit Haut und Haaren. Der hatte früher die tollsten Torten gemacht.<< Aufgrund einer psychischen Erkrankung konnte er keine Nachtschichten mehr machen, was bedeutete, dass er kaum wieder eine Stelle als Konditor finden würde. Aber erst, als der leidenschaftliche Zuckerbäcker in einer Erprobung feststellte, dass sein Rücken das ständige Stehen nicht mehr aushielt, war er bereit, umzudenken. Wenn so ein Herzenswunsch scheitert, sei es wichtig, gleich eine neue Perspektive zu erarbeiten, betont Friederike Steier-Mecklenburg. Manchmal bietet sich ein Quereinstieg an, bei dem man auf Ausbildung und Erfahrung aufbauen kann, aber die besonders belastenden Seiten seines Berufes meidet. Ein Sozialarbeiter etwa, der an der schwierigen Klientel leidet, könnte fortan mehr Verwaltungstätigkeiten übernehmen. Und wenn das nicht geht?

Der wichtige Faktor: Rahmenbedingungen

››lm BTZ hören wir erst mal: Was will der Rehabilitand, die Rehabilitandin? Und wir schauen auch, welche Bedingungen jemand braucht, um gut arbeiten zu können. Da fragen wir die Teilnehmer z.B., wenn sie zehn verschiedene Jobs hatten: ln welchem Job sind Sie am besten zurechtgekommen? Und was meinen Sie, woran lag das? Das lag manchmal daran, dass man ein ruhiges Büro hatte, nur noch mit einem Kollegen, oder der Vorgesetzte war besonders väterlich und wohlwollend. Oder der Betrieb war klein mit einer guten lnformationspolitík. Und dann macht man eine Liste, und danach wird gesucht«

Positive Rahmenbedingungen können hinderliche Bedingungen mitunter ausgleichen, sodass eine angestrebte Tätigkeit doch gut ausgeübt werden kann. »Barrieren müssen durch Programme, Assistenz oder Technik abgebaut werden<<, fordert Annette Theißing. ››Mobilitätshilfen (müssen) angeschafft werden. Ziel ist der frei gewählte Zugang zum Arbeitsmarkt. ›Geht nicht<, reicht nicht. Das gilt auch und gerade für Menschen mit psychischen Behinderungen.<<

Natürlich können die Betroffenen auch Widerspruch einlegen oder gar klagen, wenn sie mit der Ablehnung einer Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben nicht einverstanden sind. Eine Ansprechpartnerin so einer Situation ist der Sozialverband VdK oder der Sozialverband SoVD, die beide ihre Mitglieder in sozialrechtlichen Fragen beraten und vertreten. Oder man versucht sein Glück ohne öffentliche Geldgeber- so wie Hannah Harms. Die mittlerweile 46-Jährige hat eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin durchlaufen und eine Anstellung in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung gefunden.

Cornelia Schäfer ist freiberufliche Journalistin und Co-Moderatorin des Psychoseforums in Köln.

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